Heute ist der sechste Tag nach dem Erdbeben


Liebe Freunde,  

Heute ist der sechste Tag nach dem Erdbeben. Es geschieht aber so viel in diesen Tagen, dass wir das Gefuehl haben, es muesste schon ein Monat vergangen sein. Obwohl sich die Regenwolken am Himmel verzogen haben und obwohl inzwischen internationale Rettungsteams in den betroffenen Gebieten sind, bleibt doch ein beklemmendes Gefuehl im Herze zurueck. Die psychologische Betreuung der Geretteten und der Angehoerigen der Opfer scheint fast nicht zu bewaeltigen, so gross ist der Bedarf.

 

Seit gestern sind einige unserer Lehrer in einem Krankenhaus, um schwerstverwundete Kinder zu betreuen, die mit dem Helikopter eingeflogen wurden. Diese Kinder haben keinerlei Nachricht von ihren Eltern, manche von ihnen sind moeglicherweise schon Waisenkinder.

 

Ein 12-jaehriges Maedchen hat aus eigener Kraft einen Weg gefunden, aus den Truemmern herauszukriechen. Aber ihr linkes Bein wurde dabei so schwer verletzt, dass es amputiert werden musste. Sie ist immer noch wie ausser sich, manchmal weint sie bitterlich, manchmal schreit sie. Ihr Name wird so ausgesprochen wie der Name eines unserer Kinder aus der 6. Klasse, wenn auch die chinesischen Schriftzeichen andere sind. Mit der Hilfe unseres Lehrers Li Zewu hat sie sich etwas beruhigt. Als unsere Lehrerin Yang Rong sich um sie kuemmerte, sagte das Maedchen mit einem Mal zu ihr: “Mama, Mama, darf ich Dir einen Kuss geben?” Allen Umstehenden standen die Traenen in den Augen. 

 

Andere 3- und 5-jaehrige Kinder werden von unseren Kindergaertnerinnen Xiao Gao, Mengmeng, Xiao Yan und Su Chen betreut. Die Kinder sind schwer verletzt, sie rufen ununterbrochen nach ihrer Mutter. Ein 2-jaehriges Kind, das von Xiao Gao betreut wird, hat innere Verletzungen im Darmbereich. Es sagt immer, dass ihm der Bauch weh taete, dann wieder, dass es spielen gehen wolle. Xiao Gao macht Handgestenspiele mit ihm, und es ist sehr bewegend zu sehen, wie das Kind dann freudig lacht. 

Unsere Kollegen Luo Xuan, Shao Rui, Weihe, Dafeng, Qize, Yuanbin und Hongyin betreuen Kinder, die nicht ganz so schwer verletzt sind.

 

Aber auch wir brauchen Ruhe und Abstand, so dass wir die 24 Stunden des Tages in einen festen Betreuungsrhythmus gegliedert haben, der uns und den Kindern hilft. Ausserdem sind im Krankenhaus sehr viele Freiwillige, die keinerlei Erfahrung haben. Daher unterstuetzen Zhang Li und Li Zewu die Krankenhausleitung bei der Koordination und Anleitung der ungelernten Freiwilligen. Wir versuchen, auf diese Weise ein System einzufuehren, so dass die Kinder nicht alle paar Stunden von neuen Freiwilligen betreut werden, sondern langfristig die selben Menschen um sich haben koennen. Schliesslich wissen wir, dass wir keine langfristige Betreuung leisten koennen, weil wir den Schulbetrieb so bald wie moeglich wieder aufnehmen wollen.

Im Kollegium haben wir auch die Regeln besprochen, die es einzuhalten gilt, wenn man als Freiwilliger anderen helfen will, ohne selbst hilfsbeduerftig zu werden:

1. Achte darauf, regelmaessig und lecker zu essen und zu trinken;

2. Sorge fuer alle hygienischen Vorsichtsmassnahmen. Kleide Dich sauber und ordentlich;

3. Denke nicht, dass Du alle Propleme alleine loesen muesstest;

4. Nimm Dir mindestens ein Mal am Tag die Zeit, richtig ausgiebig mit Deinen Kollegen Quatsch zu machen und herzhaft zu lachen;

5. Hoere auf Deinen Koerper, wann Du eine Pause machen musst.

 

Unsere beiden Schulbusse sind mit unseren Fahrern fuer das Rote Kreuz unterwegs in das Katastrophengebiet und bringen Decken, Lebensmittel und Kleidung dort hin. Viele Eltern der Schule haben fuer die Hilfstransporte des Roten Kreuzes Geld gespendet. Die Kollegen telefonieren oft mit den Eltern und besprechen mit ihnen, was sie zu Hause mit den Kindern Sinnvolles machen koennen. Unsere Kollegen Hongyu, Xinhua, Astrid Schroeter (Xu Xinghan), Xu Tian und unsere Kuechenhilfen sind als Ansprechpartner auf dem Schulgelaende und im Buero, beantworten Telefonate, kuemmern sich um die Homepage, geben Interviews, aktualisieren unsere Uebersichtskarte des Katastropehengebietes, damit wir wissen, welche Strassen wieder geoeffnet sind, und beschaeftigen die wenigen Kinder, die tagsueber hier sind, weil die Eltern es nicht anders einrichten koennen.

 

Der Abriss und Neubau der beschaedigten Gebaeude ist neben allen anderen weiterhin eine der wichtigsten Fragen. Wir haben mit der Bezirksverwaltung Kontakt aufgenommen, die auf dem benachbarten Grundstueck ein fast leerstehendes grosses Gebaeude mit einem schoenen Garten hat und hoffen, dass wir einige Raeume dort mieten koennen. Erst, wenn wir diese Frage geklaert haben und das Erziehungsministerium der Provinz Sichuan die Raeume auf ihre Stabilitaet hin ueberprueft hat, koennen die Kinder wieder zur Schule kommen.

 

Wir hoffen sehr, dass wir durch all unsere Bemuehungen so bald wie moeglich wieder festen Boden unter die Fuesse bekommen, damit wir allmaehlich aus dem finsteren Schatten der Naturkatastrophe wieder hervortreten koennen. Jeden Morgen versammeln sich alle Kollegen. Wir machen Eurythmie und tauschen unsere Gedanken aus, um Kraft zu schoepfen fuer den Tag. Dann setzen wir eine Prioritaetenliste auf und planen die naechsten Schritte.

 

Wir gruessen von Herzen alle Freunde auf der ganzen Welt!

 

Zhang Li
Waldorfschule Chengdu, 17. Mai 2008